Viel verspielt! Über Versprechungen, Verzögerungen und Vertrauensverluste in Sachen Einzelhandel auf Niederberg

Vollsortimenter, Nahversorger oder schlussendlich gar nichts? Bleiben auf Niederberg die Einkaufswagen künftig leer? Diese Fragen stehen mehr denn je im Raum, seit das neueste Einzelhandelsgutachten auf dem Tisch liegt. Zwischen Bedarfsanalysen, Quadratmeterberechnungen und zentrenfördernder Lobby-Politik für die „alten“ Dorfkerne Vluyn und Neukirchen entwickelt sich der Bindestrich in Neukirchen-Vluyn mehr und mehr zum Zankapfel.

Aktuell ist immer noch offen, welche Form des bislang zugesagten Einzelhandels auf der Südfläche des ehemaligen Bergwerkgeländes Niederberg umgesetzt wird. Wie auch immer die Entscheidung aussieht: Sie betrifft nicht nur die Familien in der noch wachsenden Neubausiedlung, sondern auch deren Nachbarn rund um die Roosenstraße sowie – und dies sind nicht wenige – die Anwohner der  Kolonien, die südlich und östlich an Niederberg grenzen.

Modernes Stadtquartier mit attraktiven Einzelhandelsangeboten in Laufweite?

Schauen wir zurück ins Jahr 2012. Das erste Wohnquartier auf Niederberg ist so gut wie fertig, die Werbung der RAG Montan Immobilien für das Wohnquartier 2 läuft auf Hochtouren. In „1| 2| 5 Niederberg“, der Edel-Broschüre des Bergbaunternehmens, wird für eine „urbane Nutzmischung im historischen Zentrum“ mit „optimalen Flächen für Handwerk, Dienstleistung, Gewerbe, Einzelhandel, Gesundheit, Freizeit/Gastronomie und Wohnen“ geworben, die alles bieten, „was ein modernes Stadtquatier mit vielen jungen Familien braucht.“ Weiter heißt es: „Ein Supermarkt macht den Anfang, weitere Angebote für Nahversorgung und Freizeit werden folgen.“

Quelle: Broschüre der RAG Montan Immobilien, 1|2|5 Niederberg. Das Stadtquartier mit besonderer Note, S. 12

2011 und 2012 lockt die Kombination aus ruhigem Grün, attraktiver Infrastruktur und guter Verkehrsanbindung auch bauwillige Interessenten aus anderen Ruhrgebietsstädten in die niederrheinische Kleinstadt. Sie vertrauen auf die Handlungsfähigkeit und das Engagement aller Beteiligten. Niederberg ist schließlich ein Vorzeigeobjekt für die Region.

2013 halten die Verantwortlichen bei der RAG MI, Ralf Hüttemann und Christoph Happe, an den Zusagen fest. Hüttemann: „Ein solch hochwertiges Wohnquartier braucht auch eine attraktive Einkaufsmöglichkeit für Lebensmittel“. Und verweist auf ein noch einzuholendes Gutachten, das die Auswirkungen auf die Stadtteile prüfen soll. Ein konkreter Plan hört sich anders an. Von den „vielfältigen Angeboten zur Nahversorgung in Laufweite“  sind wir aktuell – nach nunmehr fünf Jahren – noch kilometerweit entfernt. Die Stadt Neukirchen-Vluyn kommuniziert auf ihrer Website nach wie vor, dass in der „Mitte des ’neuen‘ Niederbergs“ ein zentraler Bereich „mit Einkaufsmöglichkeiten, (…), Freizeit- und Kultureinrichtungen und mit Gastronomie“ entstehen wird.

Quelle: www.neukirchen-vluyn.de, Stand: 08.02.17

Einzelhandel-Lobbyismus versus Wettbewerb

In den folgenden drei Jahren folgt ein Hin und Her um Flächengrößen: 2.600 Quadratmeter wirft das BBE-Gutachten von 2014 auf, empfohlen werden aber 1.600 Quadratmeter im Ergebnis. Das aktuelle Gutachten sieht 900 Quadratmeter vor.

Einigen Lokalpolitikern ist dies noch zu viel – sie wollen die Fläche auf 800 Quadratmeter beschränken, wohlwissend, dass dies auch das Investoreninteresse einschränkt. Ja, man wolle den Einzelhandel auf Niederberg nicht unterbinden, aber bitteschön, dieser darf nicht zu groß und keinesfalls zentrenschädigend sein.

Dabei geht es in diesem Punkt nicht nur um einen wie auch immer zu definierenden Lebensmittelanbieter, sondern vor allem um die Begrenzung der Fläche, für die es eine Ausnahme von bestimmten Ausschlusskriterien geben soll. So wird streng geregelt, was auf auf den rund 225.000 Quadratmeter der Südfläche Niederberg nicht angeboten werden darf – die Liste reicht von Bastel-/Büroartikeln über Kosmetika bis hin zu Zeitungen/Zeitschriften. Dieses Vorgehen soll Einzelhändler und Handwerker in den bisherigen Dorfzentren vor weiteren Mitbewerbern schützen.

Quelle: Sortimentenliste der Stadt Neukirchen-Vluyn

Eine solche Regelung ist rechtlich durchaus zulässig, ja sogar laut  NRW-Landesentwicklungsplan vorgesehen, bedarf jedoch der individuellen Anpassung an die örtlichen Gegebenheiten. Und sie ist nicht in Stein gemeißelt. So bestätigte es Bürgermeister Harald Lenßen im persönlichen Gespräch mit Vertretern des Niederberg-Netzwerkes Mitte Januar, als er im Anschluss an die Bürgerversammlung zusagte, die Liste der „zentrenrelvanten Sortimente“ einer genauen Prüfung zu unterziehen.

Angesichts dieses Ausschlusskataloges bleibt nicht nur die Frage, was nun überhaupt noch auf Niederberg angeboten werden kann, sondern bei dem einen oder anderen Bürger auch ein unangenehmes „Geschmäckle“: Dies alles klingt nach Lobbyismus und lokaler Klientel-Politik. Er mutet wie ein Versuch an, Zeit zu gewinnen und Umsetzungen zu verzögern. Und nach der Bestrebung aus der Politik, echten Wettbeweb zu vermeiden und Wählerstimmen aus den bisherigen Zentren zu sichern. Beispielsweise aus dem Barbaraviertel, dem nach der EDEKA-Schließung immerhin die Netto-Filiale geblieben ist.

Nicht entwickelt und schon demontiert?

Sollten die Bestrebungen, das Barbara-Viertel wiederzubeleben, erfolgreich sein, will die CDU die Einzelhandelspläne auf Niederberg ganz kippen. „Dann gibt es auf Niederberg eben nur eine Trinkhalle,“ konnte bereits leise hinter nahezu vorgehaltener Hand vernommen werden.

Welche Botschaft kommt mit einer solchen Äußerung bei den Menschen im Umkreis der Niederberg-Südfläche an? Da mag es Politik und Verwaltung nicht verwundern, dass es Anwohner gibt, die sich – ob berechtigt oder nicht – als „Bürger zweiter Wahl“, die sich in der Wahrnehmung ihrer Anliegen nicht ernst genommen fühlen. Und die den Eindruck gewinnen müssen, dass der „Bindestrich“ nicht mehr ist als politisches Niemandsland zwischen den Zentren, gegen die sie ausgespielt werden.

Wehe dem, der diesen Bereich als „neue Mitte“ von Neukirchen-Vluyn bezeichnet. Er oder sie darf mit Widerspruch rechnen. Wo ist der Anspruch geblieben, der auf der Website der Stadtverwaltung nachzulesen ist: „Niederberg eins_zwei_5 lässt Neukirchen und Vluyn zusammenwachsen dabei die Aufgaben der ‚alten‘ Ortsteile aber nicht schwächen, sondern bereichern“?

Es braucht ein Konzept

In der Tat, es ist eine Herausforderung, den örtlichen Gegebenheiten einer Kleinstadt gerecht zu werden, die aus zwei historisch eigenständigen Dörfern entstanden ist. Aber es ist auch die einmalige Chance, einem stillgelegten Bergbau-Areal in seiner Mitte, das mit dem (Arbeits-)Leben und der Familiengeschichte vieler Neukirchen-Vluyner emotional eng verknüpft ist, eine neue Bedeutung zu geben.

Niederberg bietet die Möglichkeit, vor der Kulisse der historischen Fördertürme ein Industrie-Denkmal zu erhalten und einen Mehrwert-Bereich für die Bevölkerung zu schaffen, der nicht nur den Niederbergern, sondern der gesamten Stadt zugute kommt. Doch ohne ein nachhaltiges Konzept geht es nicht. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass neben der „Trinkhalle“ nur noch Lagerflächen und Gewerbehallen entstehen. Attraktiv wird dies nicht sein!


Übrigens, das Niederberg-Netzwerk ist auch auf facebook.


Medienberichterstattung zum Thema

faces-63516_150


Dieser Beitrag wurde unter Infrastruktur abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu Viel verspielt! Über Versprechungen, Verzögerungen und Vertrauensverluste in Sachen Einzelhandel auf Niederberg

  1. Theodor Schulte sagt:

    Versprechungen sind das eine, Handlungen etwas ganz anderes.
    Wenn man sich die schönen Pläne und Prospekte über Niederberg anschaut, erwartet man die Umsetzung eines hochwertigen Wohngebietes und die Entstehung von Kultur und Einkauf im Bereich der historischen Gebäude der Zeche Niederberg nördlich der Niederrheinallee. Alles geplant, als die CDU in NV noch die größte Fraktion war, getragen aber von allen Fraktionen im Rat.
    Während die Umsetzung des Wohngebietes zügig voran ging, geschah im nördlichen Bereich – nichts -. Schon bei den ersten Gesprächen über die Umsetzung des Nahversorgungskonzeptes zeigte die CDU den Neubürger/ innen deutlich sichtbar die kalte Schulter. Getreu dem Motto „Was stört mich mein Geschwätz von gestern“ wurde uns vermittelt, dass wir gefälligst in den Ortsteilen Neukirchen und Vluyn einzukaufen hätten. Obwohl in der Kommunalwahl deutlich abgestraft, scheut die CDU -nebst einigen Mitläufern- keine Mühe, sich mit allen Kräften gegen eine angemessene Nahversorgung der Bürger/innen zwischen den Ortsteilen zu wehren.
    Klientelpolitik vom allerfeinsten. Nur kein Leben in NV entstehen lassen, nur keine Chancen ergreifen, Kaufkraft von außen nach NV zu holen, wo sich doch geradezu die Niederrheinallee als Durchgangsstraße mit Parkmöglichkeiten dafür anbietet. Eine Kirchtumspolitik, wie man sie sonst kaum noch im 21. Jahrhundert vorfindet.
    Es geht dabei nicht nur um die unbeliebten, selbstbewußten „Niederbergern“, sondern um ca. 3500 Menschen zwischen den Ortsteilen, welche fußläufig keinerlei Nahversorgung haben. Lieber wieder – trotz vorhandenem Discounter – , einen neuen Vollversorger an anderer Stelle, aber auf keinen Fall im „Niemandsland“ zwischen den alten Ortsteilen.
    Nach der Wahl ist vor der Wahl. Wir werden nicht vergessen, wer Klientelpolitik betreibt und wer sich für alle Bürger/innen in NV einsetzt, egal in welchem Bereich sie leben.

  2. Timo Glantschnig sagt:

    Als Neukirchen-Vluyner freut es mich, dass Vluyn ein ganz gut funktionierendes Zentrum hat und dass mit der Ansiedlung von Edeka in Neukirchen auch ein Schritt in die richtige Richtung gegangen wurde.
    Im Barbaraviertel und auf Niederberg sieht es mit der Entwicklung schlechter aus. Aber warum die strikte Unterteilung in Viertel und Grenzen? Wo hört das Barbaraviertel auf und wo fängt Niederberg an? Es sind Grenzen die ein Nicht-Neukirchen-Vluyner gar nicht sehen kann, weil es sie nur im Kopf gibt. Man nehme also einfach die Stadtkarte und packe die alte Kolonie, die neue Kolonie, Dicksche Heide, Roosenstraße und das Wohngebiet Hartfeldstraße bis zum zukünftigen Baugebiet an der Diesterwegschule zusammen und schon haben wir Neukirchen-Vluyn-Mitte allesamt strukturell unterversorgt.
    Fehlt also nur ein Konzept und ein guter Standort für die Mitte der auch passend für Investoren ist.
    Es hilft nämlich nichts, wenn die Politik einen Standort bestimmt, sich an der Stelle aber kein Investor findet. Ohne Zweifel ist da ein Standort an der Niederrheinallee attraktiv. Die Erreichbarkeit ist durch die Niederreinallee sehr gut. Auch die alte Kolonie bekommt direkt am Hindenburgplatz eine Verbindung zum Zechengelände. Raum für die heute so wichtigen großzügigen Parkplätze ist ebenfalls gegeben.
    Im Interesse der gesamten Stadt sollte man so einen guten Standort nicht unberücksichtigt lassen. Dabei sind natürlich Alternativkonzepte von Bioladen, Hofladen- oder türkischer Laden, wie der Fatih Markt in Kamp-Lintfort mit zu berücksichtigen.
    Aber es geht um mehr, als nur einen Lebensmittelmarkt. Es muss ein attraktiver Standort für Firmen werden, die auch Arbeitsplätze schaffen. Lagerhallen und Speditionen sind da leider nur bedingt hilfreich. Ich kann daher nur an alle verantwortungsbewussten Bürger appellieren, die Scheu vor dieser Mitte abzulegen und dafür die Chancen zu nutzen, für mehr Arbeit und auch mehr Einnahmen der Stadt.
    Die Alternative ist bei dann weiter steigenden Pro-Kopf-Verschuldung, Jahr für Jahr die Steuern für die Bürger zu erhöhen.
    Ich finde die Variante A jedoch besser. Und die Niederberger sind bereit in einem Workshop mit Politik über die richtigen Weichenstellungen zu diskutieren.

  3. Reginald Schwarz sagt:

    Wenn ich ein Fahrrad kaufen möchte, habe ich in Neukirchen-Vluyn die Qual der Wahl. Vier Geschäfte geben mir die Möglichkeit, mich beraten zu lassen. Eine tolle Auswahl. Will ich einen Drogeriemarkt aufsuchen, habe ich keine Chance, großartig zu wählen. Derzeit bleibt nur Rossmann in Vluyn und vielleicht zukünftig in Neukirchen. Konkurrenz? Nicht in Neukirchen-Vluyn.

    Schade! Mit vielen tollen Versprechungen haben RAG und Stadt nicht nur die Neubürger für das neue Wohngebiet nördlich der Niederrheinallee geködert, sondern auch den Bewohnern des umliegenden Bestands Hoffnung auf einen attraktiven „Bindestrich“ gemacht.

    Jetzt scheint sich herauszustellen, diese Versprechungen sind ins Blaue hinein getätigt worden. Es fehlt an einer Vision, einem Konzept, was mit diesem städtebaulichen Filetstück passieren soll. Ein Nahversorger für die Siedler auf dem Niederberg-Gelände? Das wäre m.E. viel zu kurz gesprungen und zwar ungeachtet der Frage, dass ja auch die Bewohner des gesamten Umfeldes ein Recht auf Nahversorgung haben. Die Beschränkung der Diskussion auf einen Lebensmittelmarkt – gleich ob „Trinkhalle“ oder angemessene Größe – nimmt jede Chance, hier etwas entstehen zu lassen, was Neukirchen-Vluyn ein Alleinstellungsmerkmal im Umland geben könnte. Die Fördertürme und die angrenzenden historischen Bauten schreien doch geradezu danach, Bergmannstradition mit Wohnen, Einkaufen, Genießen und Kultur zu verbinden. Restaurants, Museum, Gesundheit, Wellness und hochwertiges Shopping kommen einem sofort in den Sinn.

    Natürlich lässt sich so ein Konzept nicht aus dem Ärmel schütteln – aber ein kleinkarierter Streit über unterschiedliche Gutachtenergebnisse hinsichtlich der Größe eines Nahversorgers bringt nichts auf die Schiene. Am Ende bleiben dann nur ein paar Lagerhallen und die nicht zentrenrelavanten Geschäfte für Boote und Waffen. Falls so das Ziel der Ratsfraktionen aussieht, sollen sie es auch offen kommunizieren, bevor der 4. Bauabschnitt in den Vertrieb geht. Das wäre ehrlich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.