Anregendes Stadtgespräch – Gut besuchte Premiere zur Zukunft von Niederberg

Jede Menge Ideen, aber auch offene Worte gab es beim ersten Neukirchen-Vluyner Stadtgespräch, zu dem Stadtverwaltung und VHS gestern interessierte Bürgerinnen und Bürger eingeladen hatten. Im Mittelpunkt des Abends stand die Frage: „Wie geht es weiter mit Niederberg?“ Gemeint ist die Südfläche rund um die beiden Fördertürme und Maschinenhallen auf dem ehemaligen Zechengelände.

Foto: Anja R. Steinhoff

Wibke Friedrich, Fachbereichsleiterin der VHS Neukirchen-Vluyn, und Bürgermeister Harald Lenßen begrüßten die rund 70 Gäste, die der Einladung zu dieser Premiere gefolgt waren. „Das Stadtgespräch ist ein neues Format für Bürgerbeteiligung. Wir haben die Absicht, Sie mitzunehmen und einzubeziehen in die Gestaltungsprozesse unserer Stadt,“ betonte Lenßen. Schon vor Beginn der Veranstaltung waren die Teilnehmer aufgefordert, Chancen und Risiken zu benennen, Anregungen und Vorschläge zu formulieren. Klar wurde aber auch: Dies ist kein Wunschkonzert; alles muss finanziert werden, sei es durch öffentliche Mittel oder private Investitionen.

„Warum dauert das so lange?“
Wirtschaftsförderin Ulrike Reichelt gab mit ihrer gut einstündigen Präsentation „Niederberg – gestern/heute/morgen“ den Anwesenden einen kurzweiligen Einblick in die konzeptionellen Ideen für die 87 ha große Potentialfläche auf dem Bindestrich zwischen den historischen Ortsteilen. Gleichzeitig warb sie für Verständnis, dass die notwendigen Prozesse eines solchen Langzeitprojektes Zeit beanspruchen:“Sie fragen sich bestimmt: Warum dauert das so lange?“ Und lieferte promt die Anwort: Allein der Rückbau der Bergwerkanlage, diverse Gutachten und Machbarkeitsstudien, Bauleitverfahren, anzupassende Flächennutzungspläne und ein zu entwickelndes städtebauliches Konzept kosteten in den vergangenen 18 Jahren viel Zeit. Luftbilder, eingebunden in eine „Reise in die Vergangenheit“, dokumentierten die Entwicklung des ehemaligen Industriegeländes Niederberg. Harald Lenßen: „Wir haben schon viel erreicht, auf das wir stolz sein können. Jetzt wollen wir rund um die Fördertürme nachhaltig etwas Gutes entwickeln – auch in Sachen Klimaschutz.“

Foto: Anja R. Steinhoff

Kreativ (er)leben und arbeiten
Ein potentieller Partner sei mit Jürgen Tempelmann, Ruhrstadt Stiftung, bereits in Sicht. Lenßen und Reichelt zeigten sich zuversichtlich, mit der langjährigen Expertise des visionären Investors ein Creativ.REVIER zu entwickeln – analog zu bereits realisierten Projekten in Dorsten und Hamm. Entstehen soll ein urbanes Areal für Kunst, Kultur, Kreativ-, Dienstleistungs- und Freizeitwirtschaft mit genügend Platz für Agenturen, Künstler und Events, aber auch für Einzelhandel, Gastronomie, Hotellerie und möglicherweise Wohnen. Kurzum: Niederberg soll ein attraktives Freizeitziel für ganz Neukirchen-Vluyn werden.

Potentieller Investor fordert Nahversorgung
Eine Voraussetzung für den Investor sei nach Angaben der Stadtvertreter eine angemessene Nahversorgung. Die Herausforderung sieht der Bürgermeister darin, dass die alten Ortskerne Vluyn und Neukirchen durch neue Anbieter nicht geschädigt werden und die Rahmenbedingungen für potentielle Einzelhändler und Gastronomen gleichermaßen attraktiv sein müssen. „Unser Ziel ist eine verträgliche Zwischenlösung.
Daran arbeiten wir jetzt mit Hochdruck.“

Kritik der „Niederberger“
Wie sehr das Nahversorgungsthema die Anwohner noch immer umtreibt, wurde gestern erneut deutlich. Man fühle sich aufgrund der Werbeversprechen der RAG MI, von der man die Wohnquatiersgrundstücke auf der Nordfläche gekauft habe, betrogen und von der lokalen Politik „verschaukelt“, sagte ein frustriert wirkender Anwohner aus dem Wohnquartier 1. Andere Stimmen folgten: „Die rund 1.000 Bürger in den neuen Wohnquartieren sind gut genug für Investitionen und Grundsteuern, haben aber keine Lobby in Neukirchen-Vluyn.“

Zu den angedachten neuen Einzelhandelssortimenten, ob Ledergeschäft oder Großsportgeräteanbieter, merkte eine Anwohnerin aus dem Wohnquartier 3 an: „Alles schön und gut. Aber Leder können wir nicht essen“ und unterstrich ihre Forderung nach einer fußläufig erreichbaren Lebensmittelversorgung für das Wohngebiet Dicksche Heide und die angrenzende Nachbarschaft. Timo Glantschnig aus dem Wohnquartier 2 brachte es auf den Punkt: „Wir brauchen ein cleveres Konzept – weg vom klassischen Groß-Supermarkt hin zu etwas Besonderem.“ Lenßen bat um Geduld und Zuversicht.

Ulrike Reichelt und Harald Lenßen in der Diskusion mit rund 70 Gästen. Foto: Anja R. Steinhoff

Klimaschutz, Kunst und Kreativität
Diskutiert wurde auch die Anbindung an Bus und Bahn, ein klimafreundliches Fahrradkonzept mit integrierter Mobilitätsstation sowie die Berücksichtigung von Parkraum, der sich möglichst optisch in die Umgebung einfügt. Ob sich die alte Bahntrasse wiederbelegen lässt oder diese künftig als Fahradweg genutzt werden könne, werde aktuell in einer Machbarkeitsstudie überprüft.

Input gab es zudem für die Integration von Kunst. Dies könnte durch offene Ateliers in den ehemaligen Pförtnerhäusern oder einen Skulpturenpark als Teil oder in Ergänzung zu dem geplanten Bürgerpark realisiert werden, möglicherweise indem die verbliebenen Betonfundamente genutzt werden, so eine ortsansäsige Künstlerin. Man sei sich einig, dass Alt und Neu aufeinander abgestimmt und architektonisch ansprechend sein müssen, damit Niederberg für das Stadtbild künftig eine echte Bereicherung wird.

Sundowner-Feeling für alle – ungeachtet des Geldbeutels
Andere Teilnehmer betonten die Bedeutung eines großen Begegnungsplatzes, der sich ungehindert zwischen Grünband und den Maschinenhallen und Fördertürmen öffnet. Idealerweise mit einer abendlichen Illumination der Industriedenkmäler. Dafür gebe es derzeit noch keine Finanzierung, erklärte der Bürgermeister. Es werde aber bereits über eine Lösung im Rahmen der bevorstehenden Landesgartenschau nachgedacht. Der Platz solle allen zur Verfügung stehen, versprach Lenßen,“gleichgültig ob man mit 100 oder 10 Euro im Portemonnaie oder mit leeren Taschen kommt und einfach nur den Sonnenuntergang vor dieser einzigartigen Idustriekulisse genießen möchte.“

Gut Ding braucht Weile
„Erlebe ich das noch?“ Auf die etwas provokante Frage einer Anwohnerin zur geplanten Zeitschiene zeigte sich Harald Lenßen zuversichtlich, dass der Kaufvertrag mit dem Investor im 1. Halbjahrs 2020 zustandekommen werde. Bis zur Realisierung dauere es dann noch etwa weitere eineinhalb Jahre. „Manchmal ist es gut, wenn Dinge etwas länger dauern, damit sie gut werden.“

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